
Wenn die Sonne über der kasachischen Steppe die Luft zum Glühen bringt, sind die Sammler der Süßholzwurzel bereits seit Stunden auf den Beinen. Mit einem Pflug reißen sie den trockenen Boden auf und graben anschließend die Wurzeln per Hand aus. Ebenso anstrengend ist es, die Wurzeln mit dem selbst geschliffenen Werkzeug zu zerkleinern und bei großer Hitze mühsam zu reinigen. Dabei sorgen nicht nur die extremen Temperaturen für raue Arbeitsbedingungen. Unzureichende Koch-, Schlaf- und Waschgelegenheiten sowie ein magerer Verdienst tun ihr Übriges. „Seit wir in Kasachstan jedoch die Kriterien des so genannten FairWild-Standards umsetzen, haben wir gemeinsam mit unserem kasachischen Projektpartner die Situation für die Sammler bereits in vielerlei Hinsicht verbessert“, erklärt Markus Wehr aus der Abteilung Einkauf von Martin Bauer. Konkret bedeutet das: Die Sammler arbeiten jetzt unter schattenspendenden Schirmen und Planen, die Schutz vor der Sonne bieten. Zusätzlich hat die Martin Bauer Group mit der Bereitstellung eines Förderbetrags Duschen und WCs errichtet, Kücheneinrichtungen, Feuerlöscher und Verbandsmaterial bereitgestellt sowie einen Generator angeschafft, der die Sammler endlich mit Strom versorgt und abends für Licht sorgt. Die Anschaffungen sind allesamt Dinge, die bisher nicht vorhanden, jedoch dringend benötigt wurden“, so Markus Wehr. „Für die Zukunft planen wir einen größeren Schlafwagen, einen Trinkwasserbehälter, eine richtige Küchenzeile und ein typisches kasachisches Wohnzelt, wo sich die Sammler in ihrer freien Zeit zurückziehen können.“
Angepackt wurden aber nicht nur Maßnahmen, die die Lebensbedingungen der Sammler verbessern, sondern auch solche, die für faire Arbeitsbedingungen sorgen: Alle Arbeiter haben bereits einen festen Vertrag bekommen, der klare Arbeitszeiten und eine leistungsgerechte Bezahlung sicherstellt. „Der Lohn richtet sich jetzt in erster Linie nach dem Sammelergebnis, was unter dem Strich deutlich mehr bringt“, so Markus Wehr. „Die Bezahlung entspricht auf diese Weise mindestens dem Verdienst eines durchschnittlichen Arbeiters in Kasachstan. Und wir legen genau offen, wie hoch der Anteil des Sammlerlohns am späteren Verkaufspreis ist.“ Außerdem haben die Sammler einen Vertreter aus ihren Reihen gewählt, der ihre Interessen gegenüber den Vorgesetzten repräsentiert. Dass diese Regelungen eingehalten werden, überprüft regelmäßig das IMO (Institut für Marktökologie), die offizielle Zertifizierungsstelle des FairWild-Standards.
Auch der Umweltschutz ist ein Thema im kasachischen Sammelgebiet: Die Martin Bauer Group arbeitet hier mit Botanikern und Forschern von Universitäten zusammen, die die Sammelplanung begleiten. Dadurch wird genau geregelt, welche Süßholzwurzelmenge die Arbeiter sammeln dürfen und gleichzeitig sichergestellt, dass dabei keine bedrohten Pflanzen zerstört werden. Neben der Süßholzwurzel hat die Martin Bauer Group mit Holunderblüten, Himbeerblättern und Lindenblüten noch drei weitere Pflanzen im Programm, die unter FairWild-Bedingungen gesammelt werden. „Natürlich haben wir auch einen wirtschaftlichen Nutzen vom FairWild-Standard“, so Markus Wehr. „Die Ware ist qualitativ besonders hochwertig. Das wissen unsere Kunden ebenso zu schätzen wie die Möglichkeit, ihre Produkte mit dem FairWild-Siegel auszuloben. Und wir können uns dank der intensiven Zusammenarbeit langfristig auf unsere Partner vor Ort verlassen.“
Der FairWild-Standard, bei dessen Etablierung die Martin Bauer Group bereits beratend tätig war, umfasst klare Richtlinien für die Sammlung und den Handel von Wildpflanzen. Zum einen darf die Natur durch die Sammlung nicht zerstört werden und nur so viel gesammelt werden, wie auch nachwachsen kann. Zum anderen gilt: Die Sammler arbeiten unter fairen Bedingungen. Das heißt: Ausbeuterische Kinderarbeit und Dumping-Löhne sind tabu, die Rechte der Arbeiter werden eingehalten und die Sammler können auf eine hohe Arbeitssicherheit vertrauen. Hinter dem Standard steht die FairWild-Foundation, an der starke Partner mitwirken. So der WWF, das IMO, TRAFFIC, IUCN (International Union for Conversation of Nature) und SIPPO (the Swiss Import Promotion Programme).